In den Augen der Verleger und Chefredakteure flackert so ein Leuchten, wenn es um Apples neuesten Streich, das iPad, geht. Jahrelang sind ihre Inhalte von Google Optimierern, Monetarisierungstheoretikern und Content-Wiederverwertern als Füllmasse zwischen Anzeigen gequält worden. Irgendwie war das kein Journalismus. Nun mischt sich unter die, auf der Erfahrung mit dem Internet-Hype gründende Skepsis der Publizisten immer stärker die Hoffnung, mal wieder ordentliche journalistische Produkte für Geld verkaufen zu können. Innovative Premium-Produkte.
Ich glaube, diese Hoffnung ist begründet. Wir kreuzen gerade das abgeschlossene Leseerlebnis und den Tiefgang einer gedruckten Zeitung mit der Aktualität und der Interaktion des Internets. Jeden Tag, den wir mit der Konzeption von Anwendungen für das iPad verbringen dürfen, verstärkt den Eindruck: Mann, das macht echt wieder Spass!
Das iPad ist die perfekte Plattform für Journalismus. Ein Quantensprung in der Möglichkeit, Inhalte einfach und intuitiv zugänglich und verständlich zu machen. Ein Computer ohne Computer. Der Anfang vom Ende der Maus, des Trackpads, der Pfeil- und Funktionstasten, dieser ganzen Armada an umständlichen Prothesen, die immer auch ein bisschen Ausdruck der Komplexität und Sperrigkeit von Computern waren. An die Stelle von pseudo-effizientem Klicken durch die Untermenüs einer Druckertreiber-Installation tritt das aufregende, explorative Wühlen in Inhalten mit unseren Händen, das wir aus unserer Kindheit kennen.
Das iPad und seine Nachfolger werden viel verändern. Die Art und Weise wie wir lernen – e-learning ohne geografische oder zeitliche Beschränkung, eine Universität zum Mitnehmen. Brettspiele – endlich „Siedler von Catan“ spielen ohne das nervige Aufstellen. Produktkommunikation – der Katalog der Zukunft zeigt mir bereits im Geschäft wie mein neues Wohnzimmer mit rotem Stoff auf der Couch aussieht. Bücher – interaktive Bücher verbinden Lesen mit Spielen. Sie werden leise aber nachhaltig viele der komplizierten und anfälligen PCs zu Hause verdrängen
Die Frage, die sich ganz konkret für uns stellt, ist, wie wir als Storyteller am Besten auf die neue Multitouch-Benutzeroberfläche reagieren. Derzeit wird in den Verlagshäusern im Bezug auf das iPad viel über generelle Benutzerführung (Print- oder Internet-Metaphern), Distributionsstrategie (mit oder gegen Apple) und technische Feinheiten gesprochen. Die wenigsten überlegen sich schon, was dieses Gerät für Content und Storytelling bedeutet. Es geht nicht nur darum, welche bestehenden Inhalte in so ein Gerät gegossen werden, sondern wie man völlig neuen Wahrnehmungsmodalitäten gerecht werden kann. Hier bietet sich für uns die Möglichkeit, schneller, besser, eindringlicher zu erklären, worum es bei einer Sache geht.
Der Leser wird ein Thema zunächst scannen und dann nach freiem Ermessen interessante Details antippen, zoomen, wegschieben, durchblättern oder bündeln – und in immer abenteuerlichere Tiefen vordringen. Die technischen Möglichkeiten werden das Feld für neue journalistische Erzählformen öffnen. Wir nennen das „Hybrid-Journalismus“, eine Erzählform, bei der Struktur und Dramaturgie der Erzählung gleichermaßen graphisch und textuell ablaufen.
Ein bisschen wie die Mischung aus Fernsehen, Print-Journalismus und einem feinen Computerspiel.
Hier haben wir die Chance, Journalismus auch digital wieder ein bisschen „magisch“ zu machen. Das ist die Rückkehr der Kreativen an die Spitze der digitalen Wertschöpfung, die Ablöse des Primats der „Suchmaschinenoptimierer“.
Können wir Inhalte in aufregendem Design, intelligent, hilfreich und unverzichtbar für Leser machen? Dann können wir es auch verkaufen.
Der Beitrag von Lukas Kircher im Blog der Axel Springer Akademie, Zitat zum Nachlesen im Medienmacher-Blog turi2.