Der Hype um das Medium Papier

Hinter roten Backsteinmauern in den verträumten Sophie-Gips-Höfen in Berlin-Mitte liegt der Gestalten Space. Ein Refugium der Print-Verfechter, Typo-Helden und Design-Liebhaber. Sie verkaufen neben den eigenen Verlagsprodukten in Buch- und Magazinform auch allerlei schick Gestaltetes vom Jutebeutel bis zur Fahrradtasche. Von März bis April 2013 zeigten die Papier-Aficionados herausragend gestaltete Publikationen in der Ausstellung: „Fully Booked – Ink on Paper“. Autor Andrew Losowsky hat das augenzwinkernde Vorwort des Ausstellungskatalogs verfasst. Sein Fazit: Lang lebe Print!

Andrew Losowsky

Andrew Losowsky, im echten Leben Senior Books Editor bei der Huffington Post, hat die Ausstellung mitkonzipiert. Er arbeitet schon seit einigen Jahren mit dem Gestalten Verlag zusammen und steht mittendrin im „Hype um das Medium Papier“. Nicht nur Romane und Kinderbücher, auch Geschäftsberichte liegen als Ausstellungsstücke in den gläsernen Vitrinen und werden als Beispiele für aufsehenerregende Print-Gestaltung gezeigt.

Ein Beispiel: Das fahrende Buch. Zum vierzigjährigen Kultur-Engagement der BMW-Group verschickte die Firma 1488 nummerierte und signierte Exemplare eines Buchs, das nicht nur durchgeblättert und gelesen werden kann, sondern auch fährt. Designer Stefan Sagmeister bastelte ein ferngesteuertes Spielzeugauto in die Unterseite des Schmökers. Eine abgefahrene Idee, findet auch Gestalten. Sagmeisters lesbarer Flitzer ist nur eins von vielen kuriosen Konzepten, die das Medium Print dank gestalterischem Erfindungsreichtum zurück in die Hände der Leser bringen. Ein Tablet fühlt sich immer gleich an, Papier kann mit Formaten, Gerüchen und Materialien experimentieren. Andrew Losowsky glaubt an das haptische Erlebnis:

„Print ist von Natur aus ein interaktives Medium: Man schlägt die Seiten um, entscheidet sich, ob man durchblättert oder hängen bleibt, manchmal bringt uns das Design dazu, die Seite umzudrehen. Je mehr Publisher besondere Effekte nutzen – wie verschiedene Tinten, Stanz-Arten, Ausfalter, Linsen, usw. – desto interaktiver werden sie.“

Als Paradebeispiel nennt er das Kinderbuch „Press Here“, auf deutsch: „Das Mitmach-Buch“ von Henré Tullet. Kinder werden darin interaktiv in die Geschichte einbezogen.

Aber kann modernes Zeitungsdesign das auch? Für Losowsky sind QR-Codes, die Brücke von Print zu Online, „fast nie eine gute Idee“. Stattdessen sollen Zeitungsdesigner kreativ werden, mit verschiedenen Papier-Sorten spielen und damit vielleicht sogar nur noch bestimmte Zielgruppen erreichen. Denn die Zukunft heiße „Vielfalt“. Teure Exoten auf der einen Seite, pragmatische Newsstreams auf der anderen: Die schnelllebige Medienwelt zwingt Print zu reagieren. Die visuellen Gestaltungs-Orgasmen aus der „Fully Booked“-Ausstellung sind nur eine Antwort auf diesen Druck und intermediale Konkurrenz belebt das Geschäft, glaubt Losowsky.

„Fernsehen hat das Radio nicht verdrängt. Stattdessen hat es das Radioprogramm verbessert, indem es ihm den Anspruch genommen hat, alles für jeden zu sein, indem es ihm erlaubt hat, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Radio ist heute besser denn je. Dasselbe gilt für Print.“

Die Ausstellung im Gestalten Space ist vorbei. Der Katalog bleibt bestehen. Er liegt schwer in der Hand. Wenn man ihn aufschlägt, knistert er neckisch und riecht nach frisch bedrucktem Papier. Er beweist: Print lebt. lg